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Willkommen in Luxor

28. November 2018

Das einfache Leben in Ägypten am Nil

Ich war schon einmal in Luxor, letztes Jahr mit Lisa, auf einem dieser Reiseveranstalter-Trips.
Und ich habe mich in diese Gegend verliebt. Die grüne Landschaft am Nil mit den beigen Bergen im Hintergrund. Die Tempel inmitten der Stadt, die Gemüsehändler am Straßenrand. Alles wirkt, als würde man in der Vergangenheit leben, die Menschen scheinen ein einfaches aber glückliche Leben zu haben.
Hier scheint die Zeit still zu stehen, besonders am Nil. Kleine Feluken segeln über das Wasser, hier herrscht eine erstaunliche Ruhe, aus weiter Ferne hört man die Moschee ertönen, was für uns wie ein fremdes Lied erscheint.

Ich sitze hier in unserer Wohnung auf dem Balkon, kann die beigen Berge sehen und in "unserem" Garten spielen die Zicklein auf der Wiese. Hier ist es ganz ruhig, obwohl wir nur 10 Minuten von der Innenstadt entfernt sind. Und diese ist laut. Laut und chaotisch, dreckig und stinkend. Ich frage mich immer, wie eine so wunderschöne Gegend durch den Menschen so "hässlich" werden kann. Die Hauptstraßen stinken nach Pferdekot, da auf 1 Auto gefühlt 3 Kutschen kommen und wenn wir durch die Straßen gehen, lassen sie selbst bei einem "Nein, danke" nicht locker.

Ich sehe kaum Touristen. Ich habe das Gefühl, ich werde von allen Seiten beobachtet. Ich bilde mir ein, die Leute fangen an zu tuscheln. Was mich das lehrt? Ich kann nur erahnen, wie es den Menschen geht, die in ein fremdes Land kommen, die Sprache nicht sprechen und dann auch noch ausgegrenzt werden. Das Gefühl kann ich nicht beschreiben, unwohl und verloren, obwohl ich die Hand meines Freundes fest in meiner halte.
Ich mag keine großen Menschenmassen, ab 17:00 Uhr wird die Innenstadt zu einem Hauptaufenthaltsort aller Menschen in Luxor. Nach knapp einer Woche wird es besser. Man gewöhnt sich an den Lärm und daran, einfach mit den Autos über die Straße zu gehen. Soltan hält meine Hand ganz fest, noch immer zieht er mich dann über die Straße, wenn ich lieber stehen bleiben würde. Aber anhalten tut hier niemand. Ampeln gibt es, so ca. 3 Stück in der gesamten Stadt aber das interessiert die meisten Menschen nicht.

Wir sind am Souk angekommen. Ich möchte lieber dort sein, wenn es nicht so voll ist, in Ruhe durch die Geschäfte schlendern aber ich bin leider blond. Selbst mit Soltan an meiner Seite machen die Besitzer keine Ausnahme. "Hier schauen", "Gucken in meine Laden", "Special Preis" und unzählige Topangebote auf Arabisch verderben mir die Freude am Schauen. In solch einem Moment sehne ich mich nach Hurghada oder Port Ghalib. Dort hat man uns in Ruhe schauen lassen. Wenig Tourismus zur Zeit, das sehe ich. An manchen Ecken ist der Gestank von Pferdekot besonders schlimm. Soltan wird langsam genervt, er versteht nicht, wieso die Leute bei einem "Nein, danke" nicht ablassen. Er mag das nicht, wer tut das schon?

Wir sind endlich am Nil, da ist sie wieder: diese Ruhe. Die Sonne ist angenehm warm, das perfekte Wetter, wie ein milder Sommertag in Deutschland. Soltan findet es ein wenig frisch, nur 26 Grad. Hier gibt sich die Stadt Mühe, alles ist sauber und schön gemacht, mit vielen Plätzen zum Sitzen. Wir schauen auf den Nil und unterhalten uns. Beim Blick über das Ufer versuche ich die Häuser und Boote auszublenden, um mir vorzustellen, wie Luxor einst aussah.

Zufällig treffen wir einen Freund, ein Kellner aus dem Solaya, der uns direkt am Ufer entgegen kommt. Wir setzen uns zusammen und reden ein wenig. Er empfiehlt uns das Luxor-Museum zu besuchen, aber es hatte zu. Außerdem möchte ich gerne mit einer Feluke über den Nil schippern, er sagt, er hat einen Freund, der uns das günstig anbieten wird. Ich habe wieder dieses Gefühl, dass in Ägypten jeder jemanden kennt, der jemanden kennt, usw. Und ich finde es schön, denn so ist niemand wirklich auf sich alleine gestellt.

Der Magen knurrte und wir wollten etwas essen auf einem hübschen Boot-Restaurant. Wir bestellten Essen & Trinken, als die Getränke kamen, sagte uns der Kellner, dass die Küche noch geschlossen ist. In Ägypten geht das Leben eben erst abends los. Soltans Vorschlag: Wir essen bei seinem Bruder und dessen Familie. Ich willigte ein, ich wollte sie unbedingt kennen lernen. Also tranken wir aus und machten uns auf den Weg. Wir schlenderten ein wenig durch die Straßen, über die berühmte "Allee" vom Karnak Tempel zum Luxor Tempel. Nur die wenigsten Figuren sind noch erhalten. Ich sehe einen Hund an einer der Figuren. Er genießt die untergehende Sonne und den leichten Wind. Mein Herz wird schwer. Ich weiß, was den meisten Straßenhunden hier in Ägypten widerfährt. Wie gerne würde ich sie alle mitnehmen, ein riesen Tierheim erschaffen und sie alle in eine Familie geben, die sie lieben.
Soltan sagt, wenn wir später mal ganz viel Geld haben, werden wir das machen. Ein unrealistischer Traum, aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

Wir kommen also bei seinem Bruder an. Vorher kaufen wir noch eine große Tüte voll mit Bananen. Mindestens 15 Stück, für umgerechnet nicht mal 1€. Dann gehen wir in ein Haus in einer Seitenstraße. Kinder kommen angerannt, um mir zu winken. Wie auch jeden Tag an unserer eigenen Wohnung. Ich fange an, mich daran zu gewöhnen. Sie kichern, als wäre ich Elsa. Eigentlich nichts Neues. Wir stehen nun vor der Wohnungstür seines Bruders und ich habe schwitzige Hände. Ich bin sehr nervös, ein Junge öffnet die Tür, er ist 11 Jahre alt. Auch er scheint nervös und schüchtern, bittet uns herein in eine große Empfangshalle mit lauter Sitzplätzen. Ein 4-Jähriges Mädchen kommt. Soltan küsst sie zur Begrüßung, ich empfinde das schon eher als abknutschen. Das Mädchen scheint es gewohnt zu sein, ob sie es mag, bezweifle ich. Ich hocke mich hin, lächle sie an und sage "Hallo". Schüchtern schaut sie weg. Soltan sagt ihr, sie soll mir auch einen Kuss geben aber ich lehne ab und erkläre ihm, dass sie mich doch gar nicht kennt. In Ägypten macht man das scheinbar so. Noch ein Kind kommt zu uns, sie ist 8 Jahre alt, sehr dünn aber sehr hübsch. Auch sie setzt sich schüchtern und erhält zwei Wangenküsse meine Freundes. Schüchtern gibt sie mir die Hand. Soltans Bruder begrüßt mich ebenfalls herzlich mit Handschlag. Vorher sagte mein Freund, das wäre nicht üblich also warte ich, ob ich die Hand entgegen gestreckt bekomme oder nicht. Seine Frau ist in der Küche, sie bereitet Essen für uns vor. Ich fühlte, wie nervös ich bin. Soltan redet mit der Kleinen aber ich verstehe nichts. Dann holt die größere von Beiden eine kleine Babykatze und setzt sie neben mich. Sie ist nass und zittert. Die Kinder haben sie scheinbar geduscht. Armes Baby, ich setze sie auf meinen Schoß, wo sie Ruhe findet. Aber die Kinder wissen es eben nicht besser. Soltan und sein Bruder unterhalten sich, während die Kleine immer wieder zu mir kommt. Aber mit Abstand. Ich würde gerne mit ihr reden aber ich kann es leider noch nicht, das lässt die Stimmung bedrückend erscheinen. Dann bringen die Kinder uns das Essen an den niedrigen Tisch. Die Familie isst nicht mit uns, da sie erst gegessen haben. Sie haben extra für uns gekocht? Das ist ganz normal. Den Namen habe ich vergessen aber es waren gefüllte Teigtaschen, dazu Pommes und Salat.

Nach dem Essen setzten wir uns einen Raum weiter, in das Wohnzimmer. Nun kam auch seine Frau. Sie hatte sich erst umgezogen, denn sie ist nicht mit Soltan verwandt, also trägt sie dann die üblichen langen Abayas und Kopftuch. Sie trägt aber Niqab, den Gesichtsschleier, wo man nur die Augen sieht. Von draußen dringt der unfassbare Lärm der Innenstadt in die Wohnung. Ich bin sehr nervös, Soltan übersetzt alles, was sie fragen aber ich fühle mich trotzdem ein wenig fremd. Der Bruder merkt das und meint, es ist normal am Anfang aber wir sind jetzt eine Familie, das wird ganz schnell besser. Der 11-Jährige meint dann plötzlich, dass ich wohl Angst vor dem Niqab habe. Wir mussten alle lachen. Das habe ich natürlich nicht. Aber ich sitze dort in Top, mit offenen Haaren und mir gegenüber eine verhüllte Frau mit Niqab. Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte, ob es Regeln bzw. bestimmte Sitten gibt. Der Bruder holte das Familienfotoalbum und gab es mir. Es waren sehr viele Fotos von der Frau ohne Niqab drin, die meisten zeigten sie sogar ohne Kopftuch, aus Studien-Zeiten. Sie ist Doktor, deswegen konnte sie auch ein ganz bisschen Englisch. Die Fotos sehen aus, als wären sie von meinen Eltern aus früheren Zeiten. Das lockert die Stimmung. Dann wurde ich von ihr gefragt, ob wir auch ein Foto zusammen machen könnten. Soltan ging auf den Balkon, denn sie wollte gerne ein Foto ohne den Schleier. Sie setzt sich neben mich und nimmt mich herzlich in den Arm, danach zeigt sie mir viele Fotos und Videos auf ihrem Handy. Mein Kopf füllt sich mit Klarheit, eine ganz normale Frau, wie jede andere. Ohne Verhüllung oder irgendwelche Tücher, in kurzen Kleidern beim Bauchtanz. Wir lachen, weil sie es lustig findet, wie sie tanzt. Ich sage ihr, ich kann nicht tanzen und sie will es mir beibringen. Dann zeigt sie mir ein Video, wo sie ihren Geburtstag feiert mit den Kindern. Alle tanzen und lachen. Die Stimmung wird lockerer, die 4-Jährige zeigt mir allerlei Sachen und schenkt mir eine Banane. Mir fällt erst jetzt auf, wie lecker die Bananen sind. Sie kommen direkt von hier, vom Nil. Wir trinken Tee, später noch einen Kaffee. Die Katze schläft immer noch auf meinem Schoß. Der Bruder fragt mich, ob ich eine haben möchte, er hätte noch welche. Ein liebes Geschenk aber ich erkläre ihm, dass ich schon zwei Katzen und einen Hund habe. Ich zeige ihnen Fotos und der Junge ist begeistert von Balou.

Nach 4 Stunden haben wir beschlossen, nach Hause zu gehen. Wir sollten noch bleiben, sie würden Abendessen für uns machen und wir könnten bis in die Nacht bleiben. Wir lehnten dankend ab und verabredeten uns für einen anderen Tag, wo sie uns besuchen kommen können. Gemeinsam mit Soltans Schwester und ihren Kindern, sowie dem Schwager und den Kids. Dann hätten wir 11 Kinder bei uns in der Wohnung und das sind nur die Kinder von 3 seiner 7 Geschwister.

Ein wenig Erleichterung macht sich in mir breit, als wir die Wohnung wieder verlassen. Die Stimmung wurde immer lockerer aber war dennoch ein wenig fremd.
Ich muss zugeben, dass mir aufgefallen ist, dass die Kleine überhaupt nicht auf dem Level von den 4-Jährigen Kindern bei uns ist. Aber ohne irgendwie eine Beeinträchtigung zu haben, sie scheint einfach wenig gefördert zu werden. Auch das ist in Ägypten wohl normal.

Jetzt gleich starten wir zu unserer Bootstour. So der Plan. Hier in Ägypten kann sich das auch ganz schnell ändern. Was man dafür braucht? Spontanität und Flexibilität. Dann klappt ein Leben in Ägypten. Oder besser gesagt, wer ein wenig spontanter und fexibler werden will: Ab ins Land, wo einst die Pharaonen lebten.

Das war erstmal das erste Update aus meiner ersten Woche hier in Luxor.
Bis dann,
eure Lolo xxx

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