Wenn das Herz leise weint
24 Stunden. Vor 24 stunden durfte ich zum letzten Mal deinen warmen Wind einatmen. Ein letzter Blick in die Ferne, lange fühlte sich mein Herz nicht mehr so schwer an. Was ist es nur, was dieses Land mit mir tut? Wieso fühle ich mich so sehr mit Ägypten verbunden, dass mein Herz in 1000 Teile bricht, sowie ich den Flughafen betrete? Ich wollte nicht weg. Ich wollte umkehren, mich an irgendetwas festhalten, bleiben. Nach diesem Urlaub gehen mir mehr Dinge durch den Kopf als je zuvor und ich kann alles noch gar nicht wirklich ordnen. Kopf, Herz, Bauch. Das alles fühlt sich an wie der Urknall und mittendrin versuche ich zu reflektieren, was da eigentlich geschieht. Ich schaffe es nicht, nicht jetzt. Alles, was ich gerade weiß ist, dass dort diese Leere herrscht, schlimmer als im Sommer. Schlimmer, als je zuvor. Doch möchte ich nun ein wenig vom Urlaub berichten, der mal wieder so schnell vorbei ging, dass es mir vorkommt wie ein Traum. Irregal, nicht greifbar. Und doch wahr. Doch stand ich dort am Meer, in der Wüste, schloss die Augen und fühlte... Freiheit.
Die Ankunft in Hurghada war nervig. Russland hat wohl nun angeordnet, dass Touristen per Polizei aus dem Gelände eskortiert werden zum Schutze der russischen Touristen. Obwohl kein russischer Flieger zeitgleich mit uns ankam, mussten wir noch 45 Minuten im Bus warten. Und vor uns lag ja noch die 3-Stündige Fahrt nach Marsa Alam. Der Bus war dieses Mal ungewöhnlich voll, normalerweise fahren wir mit den 12 Personen Bussen, dieses Mal war es größeres Exemplar mit knapp 20 Plätzen. Wir brachten die Gäste nach Al Quseir und fuhren dann noch gut eine Stunde weiter bis zum Solaya, wo wir freudig empfangen wurden. Da es jedoch schon nach Mitternacht war, fiel die Begrüßungsrunde dürftig aus. Schnell einen Drink und schon ging Isa aufs Zimmer. Wir hatten 2 Zimmer mit Verbindungstür bekommen, was wir uns im Vorfeld auch so gewünscht hatten, da es uns einfach viele Vorteile bringt, die beiden Hotelzimmer als kleine Wohnung zu nutzen. Allein schon, weil ich ständig meine Zimmerkarte vergesse.
Am nächsten Morgen mussten wir erst einmal mit Erschrecken feststellen, dass es doch viel kälter war, als wir vermutet hätten. Nur 2 Tage vor unserer Ankunft waren wohl noch warme 28 Grad und kein Wind. Die Temperaturen fielen dann auf 21/22 Grad mit sehr viel Wind und demnach fühlte es sich an wie 15 Grad, besonders, wenn die schöne warme Sonne hinter dicken Wolken verschwand.
Weihnachtsstimmung hatte ich schon vor dem Urlaub nicht und der dürftige kleine Tannenbaum in der Lobby änderte daran auch nichts. Vielleicht die hübsch beleuchteten Palmen. Nachdem wir den Sonntag (unseren 1. Tag nach Ankunft) gemeinsam im Hotel verbrachten, fuhr Soltan zu seiner Familie nach Luxor, während meine Schwester, ihre Freundin Marta und ich uns einen "Mädelsurlaub" verschafften. Wir chillten die meiste Zeit am Pool, weil es da nicht so windig war wie an der Poolbar und verbrachten die Abende damit, durch die Hotels zu tapern, uns Shows anzuschauen und "Ich packe meinen Koffer" zu spielen. Der Verlierer muss einen ägyptischen Tequila trinken, haha. Und dieser Tequila hat mich viele Jahre lang schon echt ausgeknockt. Egal, wo wir auftauchten, die Leute wussten natürlich bestens Bescheid, wer ich bin bzw. wer wir sind. Klar, beim 10. Besuch im selben Hotel kennt man ja dann doch schon viele aber durch Soltan bin ich fast schon eine Berühmtheit geworden. Zumindest kommt es mir manchmal so vor. Alle fragen mich, ob ich etwas brauche und ich soll ja Bescheid geben, dann wird das auch gemacht. Und immer wieder höre ich sie den Namen meines Mannes tuscheln, wenn ich an ihnen vorbei gehe. Zunächst war mir das echt unangenehm, ich meine, alle starren dich an und reden. Aber nach und nach wurde es irgendwie normal und ich dachte mir nur: "Ja hi, ich bin's. Will wer ein Autogramm?😜". Ich mag es ja gerne, dass man sich wie Kleopatra persönlich fühlen kann in diesem Hotel aber manchmal ist too much dann eben einfach zu viel.
Den einen Tag sind wir Basketball spielen gegangen auf unserem Sportplatz. Das hat Spaß gemacht, weil es zum ersten Mal keine Affenhitze war auf dem Platz und man nicht nach 5 Minuten halb am kollabieren war. Den Pool haben wir hingegen gemieden. Zwar war einer von den beiden großen beheizt aber durch den Wind war es trotzdem kalt. Ins Meer haben wir uns auch 2x getraut. Rein gehen war schon blöd aber rauskommen mit dem Wind war richtig blöd. Für Marta war es der erste Ägyptenurlaub überhaupt und ich habe natürlich auch fleißig mit der Kamera ein paar Dinge festgehalten, trotzdem dieses Mal irgendwie nicht so viel gefilmt wie sonst. Ich hatte eben einfach den Kopf so voller Gedanken, dass ich weder viel gefilmt, noch fotografiert habe. Meine Kamera habe ich eigentlich umsonst mitgenommen, könnte man sagen.
Weihnachten war schön, jedoch unspektakulär für mich. Das Hotel hat sich wahnsinnig Mühe gegeben bzw. die Bucht, da die Weihnachtsgala für mehrere Hotels in der Bucht war. Es gab wunderschöne Lichtergirlanden im Zelt, toll zubereitetes Buffet, Live Gesang und Show. Wir hätten uns jedoch irgendwie gewünscht, es hätte danach noch etwas Stimmung gegeben, für einige Minuten hatte die Animation alle Gäste eingesammelt und mit ihnen getanzt. Da war richtig gute Stimmung im Zelt aber leider war das schnell wieder vorbei und plötzlich waren alle Gäste weg. Wir haben dann auf unserer Terrasse in den Geburtstag meiner Schwester gefeiert und wie angeordnet kamen sie mit Kuchen und viel Tamtam. Meiner Schwester war das etwas unangenehm aber ich denke, sie hat sich trotzdem gefreut. Am nächsten Morgen haben sie so süß das Zimmer geschmückt und jeder hat ihr gratuliert und sich mit ihr gefreut. Hach ja, das liebe ich so sehr an diesem Ort.
Zum ersten Mal haben wir in diesem Urlaub an einer Quadtour teilgenommen. Ich hatte das mit Soltan schon mal in Hurghada gemacht und da fand ich es echt blöd, weil mir der ganze Arm nach unserer Offroad-Tour so wehtat aber die Tour vom Hotel aus war einfach nur wunderschön. Wie sehr liebe ich die Wüste, hach, da könnte ich immer wieder von Schwärmen. Raus aus unserem Hotel, über die Straße und yallah in die Wüste! Ich saß hinter Soltan und blickte in die Ferne. Das hier fühlt sich "Zuhause" an. Der Sand, die Sonne, diese unglaublich magische Umgebung. Jede Faser meines Körpers schrie danach, mein Herz pochte wie wild und bem Gedanken daran, dass der Heimflug schon wieder vor der Tür stand, wurde mir ganz übel.
Und nun sitze ich hier und realisiere, dass dieser Urlaub wirklich schon geschehen und wieder vorbei ist. Würde es keine Fotos geben, würde ich denken, ich hätte nur geträumt. 2022 steht vor der Tür und ich habe so viele Emotionen, Fragen und Träume an dieses Jahr. Und obwohl ich mit so vielen darüber rede, fühlt es sich so an, als wäre ich damit alleine. Gefangen in einer großen, staubigen, dunklen Pyramide und von irgendwo her dringt Sonnenlicht ein aber ich kann die Lücke noch nicht finden. Ist das eine gute Metapher? Hier warten nun viele Dinge, die es zu erledigen gibt auf mich und am liebsten würde ich den Kopf in den Sand stecken aber so einfach ist das Leben leider nicht. Mein Mann sagt, es gibt immer einen Weg und wir werden den besten finden. "Just let it for Allah". Ja und irgendwie finde ich diesen Leitfaden gerade ganz gut. Kein Stress, kein Druck, alles wird schon geschehen, wie es geschehen soll. Auch, wenn das vielleicht ein wenig zu schön um wahr zu sein klingt, hier im stressigen, kalten Deutschland. Und ich stehe immer noch in der Pyramide, schließe die Augen und träume mich ein paar Stunden in der Zeit zurück.
Zum Schluss kann ich euch nur sagen, was ich für mich diesen Urlaub gelernt habe: Folgt immer der Stimme in euch, die euch sagen will: Seid glücklich. Vielleicht planen wir alle so sehr unser Leben und wachen eines Tages auf mit der Erkenntnis, es ist alles nicht mehr richtig. Und dann? Ich werde das ab jetzt versuchen, was auch immer das für die Zukunft bedeuten mag. Ich würde mir wünschen, dass ich mich traue, durch neue Türen hindurchzugehen, gleichwohl ich nicht weiß, was sich dahinter verbirgt. Vielleicht ist das mein Ziel für 2022: Einfach das ändern, was mich unglücklich macht. Einfach die Augen schließen und einatmen, fühlen, leben. Ich weiß jetzt noch nicht, was genau das bedeutet, ich weiß nicht, ob dieses Licht in der Pyramide vielleicht auch nur der Eingang ist, bei dem es letzten Endes auch wieder hinaus geht. Aber ich weiß, dass etwas in mir nach was anderem strebt als dieses 0815 Leben hier. Das fühle ich, auch wenn Herz, Kopf und Bauch sich da noch nicht ganz einig sind.
Bis zum nächsten Mal,
eure Lorena